So, das ist also Pseudo-Krupp...

LenchenLenchen

4,118

bearbeitet 9. 05. 2005, 20:13 in Plauderecke
7. Mai 2005 – Eine aufregende Nacht…

Ich saß gestern Abend noch am Computer, da wachte Janis im Schlafzimmer hustend auf. Seit vorgestern hatte er eine Rotznase, und ich dachte erst nur: „Oha, das hat sich aber rapide verschlechtert“, denn er war ziemlich am Röcheln. Dann fing er an, bellend zu husten und keine Luft mehr zu kriegen, so dass ich sofort an Pseudo-Krupp dachte. Ich legte ihn erstmal zum Stillen an, da trank er eigentlich ganz ruhig, also dachte ich erleichtert, dass es wohl nichts in der Richtung sein könne. Ich legte ihn wieder ins Bett, und er schlief auch tatsächlich wieder ein, wenn sein Schlaf auch unruhig blieb.
Ich setzte mich wieder vor den Computer, ständig mit einem Ohr im Schlafzimmer. 20 Minuten später, um kurz vor halb zwölf, war Janis wieder wach und hustete - diesmal um einiges schlimmer. Martin hat als Kind schlimme Krupp-Anfälle gehabt, deshalb hatte ich schon einiges darüber gelesen. Ich riss also das Fenster auf und rief im Krankenhaus an. Bei aller Husterei und Heiserkeit zeigte sich Janis nämlich erstaunlich fidel, angelte nach der Tastatur, sah aus dem Fenster und versuchte, mir zwischen den Hustenanfällen mit seiner Röchel-Kratz-Stimme „mitzuteilen“, was er dort sah. Eigentlich kam er mir zu fröhlich vor, um einen Rettungswagen zu rufen oder ins Krankenhaus zu fahren. Mir war aber klar, dass in diesem Zustand an Schlaf nicht zu denken war.
Die Dame in der Krankenhauszentrale erwies sich als aufgeregter als ich (klar, die konnte ja auch nicht sehen, dass Janis noch nicht blau angelaufen war und das Röcheln, das er ins Telefon hauchte, nur vergebliche Kommunikationsversuche waren). Sie verwies mich an unseren Kinderarzt, da das Krankenhaus Bückeburg über keinen eigenen verfügt. Der hatte natürlich nur ein Band geschaltet, welches uns empfahl, in Notfällen Dr. Nassini anzurufen, der Notdienst habe. Ich wählte also, immer noch mein hustendes und röchelndes Kind auf dem Schoß, die genannte Nummer. Ich hörte ein weiteres Band mit der Auskunft: „Hier ist die Praxis von Dr. Nassini. Wir haben heute Notdienst. Sie erreichen uns unter folgender Nummer…“ Leicht genervt wählte ich auch diese. Endlich sprach ich mit einem Menschen. Nicht unfreundlich sagte Dr. Nassini: „Ich bin Urologe. Bei einem zehn Monate alten Kind kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen. Da müssen sie nach Minden.“ Weiter ging die lustige Telefoniererei zum günstigen Nachtarif. Die Zentrale des Mindener Klinikums verband mich mit der Kinderklinik. Endlich hatte ich einen Gesprächspartner, der mir weiterhelfen konnte. Die Ärztin riet mir, erstmal eine Runde um den Block zu laufen, da die kalte Nachtluft oft lindernd wirke. Wenn das Röcheln danach nicht ganz verschwunden sei, solle ich vorbeikommen und ein Cortison-Zäpfchen bekommen (also, Janis natürlich, nicht ich).
Wir liefen durch die von Straßenlaternen erhellte, ziemlich einsame Obernkirchener Nacht, einmal um den Block. Janis fand das irre interessant, dass immer wieder Lichter an ihm vorbei getragen wurden. Er sperrte die Augen weit auf, hustete nicht mehr, aber wenn er mir etwas „sagen“ wollte, kam immer noch nicht mehr als ein Röcheln.
Wieder zu Hause entschied ich, dass das Zäpfchen unumgänglich war. Allerdings hatte ich keine Ahnung, wo die Kinderklinik in Minden ist… Ein weiteres Telefongespräch brachte Klarheit. Also packte ich mein immer noch waches und röchelndes Kind ins Auto – den „Trecker“, denn der Suzuki Samurai-Jeep war der einzige fahrbare Untersatz, den meine verreiste Verwandtschaft mir gelassen hatte – und eilte mit möglicher Maximal-Geschwindigkeit 110 km/h die 20 Kilometer über die Bundesstraße.
Über eine Stunde nach Beginn des Anfalls waren wir endlich in ärztlicher Behandlung. Na ja, erstmal nur in der von Schwester Brigitte, aber das reichte mir schon völlig. Janis bekam eine Maske zum Inhalieren. Diese fand er so interessant, dass er sie unbedingt von allen Seiten betrachten wollte. Außerdem versperrte sie ihm die Sicht auf all die anderen spannenden Dinge im Raum… Nach einem längeren Kampf, bei dem ich etwa genauso viel medizinischen Dampf eingeatmet hatte wie er, kam die geradezu lächerlich junge – aber sehr nette – Ärztin, um Janis abzuhorchen. Jetzt bekam er sein Zäpfchen, und wir wurden entlassen.
Um halb drei lag Janis endlich wieder im Bett. Schwester Brigitte hatte mich vorgewarnt, dass bei Anfällen vor Mitternacht oft noch ein zweiter in derselben Nacht folgt. Ich traute mich also nicht, mich bettfertig zu machen, legte mich in Klamotten neben Janis – und schlief zum Glück bis um kurz vor sechs, als es draußen hell wurde und die Vögel sangen. Ich schloss das Fenster (das ich auf Anraten der Ärztin die Nacht über sperrangelweit geöffnet hatte), und wir schliefen noch mal bis neun, ohne weitere Vorkommnisse.

Kommentare

  • EowynEowyn

    27,156

    bearbeitet 30. 11. -1, 02:00
    Ach du meine Güte :shock: Ich kann dich nur bewundern, wie ruhig du diese Situation anscheinend gemeistert hast. Und das ganz allein! Ich glaub ich hätte irre Panik geschoben und den Kindsvater verflucht, dass er mich allein gelassen hat.


    Besteht denn jetzt die Gefahr, dass das wieder passiert?
  • LenchenLenchen

    4,118

    bearbeitet 30. 11. -1, 02:00
    Ja, ich hab mich auch über mich selbst gewundert. ;-) Ich hab zwar anfangs am ganzen Leib gezittert, aber sonst war ich echt ruhig. Wahrscheinlich, weil ich hier schon einiges über Pseudo-Krupp gelesen hatte und wusste, dass es nichts Lebensbedrohliches ist. Und, wie gesagt, Janis ging es dabei eigentlich erstaunlich gut.
    Ja klar, natürlich passiert das genau dann, wenn ich mit ihm alleine bin. :roll:

    Es ist wahrscheinlich, dass das noch mal auftritt, muss aber nicht sein. Martin hat das ziemlich oft gehabt, so sieben oder acht Mal, glaube ich. Oder noch öfter. Muss mal SchwiMu fragen... Aber ich denke, irgendwann hat man dann auch Routine drin. Die Zäpfchen kann man auch für zu Hause bekommen.
  • lilalila

    2,943

    bearbeitet 30. 11. -1, 02:00
    Na, das sind ja Aussichten :traurig08:

    Zum Glück hatte Janis da eine vorinformierte Mama, die nicht in Hysterie ausgebrochen ist.
    Alle Achtung.
    :fun47:
    Nicht nett, gar nicht! :sad:
  • GoldSevenGoldSeven

    3,151

    bearbeitet 30. 11. -1, 02:00
    Wirklich Respekt, Lenchen ;) Dann hoffen wir mal, dass Janis dich heute wieder ganz ohne Husten zutexten kann ;-)
  • jumpyjumpy

    1,630

    bearbeitet 30. 11. -1, 02:00
    na das war ja wirklich ne aufregende nacht :shock:
    und kinder werden ja meistens nachts oder zum WE krank. deiner hat gleich beides hingekriegt, nicht schlecht! :biggrin:
    ich haette bestimmt totale angst bekommen. aber bei uns ist die kinderklinik zum glueck nur eine halbe stunde mit dem auto entfernt. also ohne auto haette ich echt nicht gewusst, was ich machen sollte.. :shock:
  • LenchenLenchen

    4,118

    bearbeitet 30. 11. -1, 02:00
    Ich hab so einen Horror davor, dass er einen Anfall in der Nacht vor unserer Hochzeit bekommt! :nervous01: Heute renne ich total zerknittert durch die Gegend, dass kann ich dann echt nicht brauchen! Und dass er gut timen kann, hat unser Küken ja bewiesen!
    Das war jetzt übrigens das zweite Mal, dass Janis krank ist, und es war das zweite Mal, dass ich über Nacht alleine mit ihm war... :twisted:
  • AnonymousAnonymous

    59,500

    bearbeitet 30. 11. -1, 02:00
    Mensch, das hört sich ja furchtbar an. :shock:
    Aber woher weißt du denn so genau, daß es Pseudokrupp ist?
  • LenchenLenchen

    4,118

    bearbeitet 30. 11. -1, 02:00
    Hm, dieser Husten ist wohl ganz charakteristisch. Janis hat ins Telefon gebellt, und die Ärztin meinte: "Ah ja, ich höre schon." Verbunden mit dem Erblichkeits-Risiko und dem Verlauf war das wohl recht eindeutig. Und von der Ärztin wurde er nachher ja noch abgehorcht.

    Ich selber war mir anfangs gar nicht so sicher, ob das wirklich Pseudo-Krupp sein kann, weil er ja gar nicht tat, als müsse er ersticken (jedenfalls, wenn er nicht gerade hustete). Meinst du, es war gar keiner, und die haben falsch behandelt? :shock:
  • AnonymousAnonymous

    59,500

    bearbeitet 30. 11. -1, 02:00
    Das war bestimmt richtig so, Lenchen. Die haben sicher nicht falsch behandelt.

    Was kann man denn bei sowas als "erste Hilfe Maßnahme" machen? Ich hab mal was von Wasserdampf erzeugen und einatmen lassen fehört. Stimmt das?

    Du hast das wirklich toll gemacht!!! Ich wünsche dir, dass ihr beide heute Nacht besser schlafen könnt :razz: .
  • bambi7876bambi7876

    1,428

    bearbeitet 30. 11. -1, 02:00
    Mein Patenkind hatte mit einem Jahr fast die gleiche Geschichte. Bei ihr war es dann aber so extrem ( weil der liebe diensthabene Azt nicht auf Krupp gekommen ist ) daß meine Freundin natürlich am Anfang alles falsch gemacht hat. Schön warm gehalten , Fenster zu u.s.w
    der Husten wurde also immer schlimmer. Wir haben uns dann zwei Wochen lang nachts zu viert abgewechslet und sind mit der Kleinen nachts draußen spazieren gegangen ( war November )Das Beste und eigentlich auch einzige was man machen kann.
  • LenchenLenchen

    4,118

    bearbeitet 30. 11. -1, 02:00
    Als allererste Sofort-Maßnahme kannst du die Fenster aufreißen. (Aber dran denken, dass das Kind nicht unterkühlt, also 'ne Jacke an oder Decke drüber.) Dann aufrecht setzen, und am besten mit dem Kind rausgehen. Oder ins Bad und die Dusche an, um warmen Wasserdampf einzuatmen. Da scheiden sich die Geister. Anscheinend hilft einem das, dem anderen das. :roll: Ganz wichtig ist wohl, vor allem bei schon älteren Kindern, dass man als Eltern möglichst ruhig bleibt und das Kind beruhigt. Gefährlich wird die Sache in der Regel nur, wenn man Panik bekommt und sich in die Erstickungsanfälle reinsteigert. Das, was wirklich dagegen hilft, sind die Cortison-Zäpfchen. Nach dem ersten Anfall bekommt man immer eins für zu Hause, fürs nächste Mal.
  • MonicaMonica

    1,525

    bearbeitet 30. 11. -1, 02:00
    Boah! :fun47:

    Erstaunlich wie sachlich Du da dran gegangen bist. Ich wünsch Euch, dass der erste Anfall auch der letzte war. Und heute eine ruhige Nacht!
  • MajonieMajonie

    3,882

    bearbeitet 30. 11. -1, 02:00
    mensch der arme matz... habt ihr nicht gleich zäpfchen für den notfall mitbekommen? bei und bevölkern die immer den kühlschrank..

    @red: die kinder husten nicht normal, das klingt immer eher wie das heißere bellen eiens hundes. und sie bekommen oft massive atemprobleme weil der kehlkopf zuschwillt.
    wie lenchen schon schreib: möglichst ruhig bleiben, wenn das kind sich aufregt steigt die geafhr des anschwellens.

    übrigens: lenchen ich finds classe das du so ruhig geblieben bist, ehrlich gestanden: beim ersten mal war ich das nicht... :oops:
  • coracora

    6,187

    bearbeitet 30. 11. -1, 02:00
    wow... ich galub ich hätte die totale Panik geschoben, ich habe davon nur mal vage was gehört, hätte es aber nie erkannt. Was für ne Nacht!

    Wünsche euch heute eine bessere!

    Ich glaub aber echt nicht, dass er das vor der Hochzeit auch macht, es sei denn, du quartierst Martin aus. ;-)
  • LenchenLenchen

    4,118

    bearbeitet 30. 11. -1, 02:00
    Ich hab aus dem Erlebnis ein "Buschig" gemacht, das ist so eine Rubrik bei uns in der Zeitung. Bin mal gespannt, ob sie's nehmen. ;-)

    Mittlerweile geht's Janis Krupp-mäßig wieder gut. Jetzt hat er nur eine saftige Erkältung mit verstopfter Nase. :???:
  • IngaInga

    753

    bearbeitet 30. 11. -1, 02:00
    Ich habe dazu mal eine Frage:

    Ich selber habe als Baby (unter einem Jahr) ganz schlimme Krupp Anfälle gehabt und musste des öfteren draussen auf der Terasse schlafen.

    Bei Elias habe ich deshalb schon etwas Angst. Nun ist er aber auch schon älter als ich damals.

    Besteht trotzdem die Gefahr, das er solche Krupp Anfälle noch bekommt? Oder kann das immer vorkommen im Laufe der Kindheit?
  • LenchenLenchen

    4,118

    bearbeitet 30. 11. -1, 02:00
    Hm. :confused01: Die Krankenschwester meinte zu mir, mit 10 Monaten sei Janis ja noch ganz schön jung für Pseudo-Krupp. Und ich meine, irgendwo gelesen zu haben, das "Einstiegsalter" liege zwischen dem ersten und - ??? - dritten ?? Lebensjahr. Betätige am besten noch mal die Suche, war irgendwo hier im Forum.

    Ich drücke dir die Daumen, dass Elias verschont bleibt!! Aber wenn man weiß, was es ist und was man machen muss, ist es gar nicht so schlimm. ;-)
  • IngaInga

    753

    bearbeitet 30. 11. -1, 02:00
    Oh, na dann ist ja noch alles drinn. :sad:

    Ich habe mich auch viel darüber informiert was im Fall der Fälle zu tun ist. Die kalte Luft aus dem Kühlschrank soll lindernd wirken.
  • LenchenLenchen

    4,118

    bearbeitet 30. 11. -1, 02:00
    Wobei ich es blödsinnig finde, den Kühlschrank aufzureißen und eine Menge Energie zu verplempern, wenn man einen Balkon oder Garten hat... Wenn es nicht gerade Hochsommer ist (wenn Krupp-Anfälle eh eher selten sind), tut es frische kalte Luft meines Wissens genauso. :roll: In der Notaufnahme nannten die mir den Kühlschrank als Alternative, wenn man in einem Viertel wohnt, wo man sich nachts nicht mehr auf die Straße traut und keinen Balkon hat.
  • lilalila

    2,943

    bearbeitet 30. 11. -1, 02:00
    Und man räumt die Bierflaschen dann eine nach der anderen aus dem Kühli und setzt sein Kind dann rein, ja? :biggrin: :eek02:
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