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Kronprinz oder Nesthäkchen – so prägen uns Geschwister
Eine Pädagogin erklärt, wie sich die Geburtenreihenfolge von Brüdern und Schwestern auf die Entwicklung der Kinder auswirken kann.
Familienbande beeinflussen die Rasselbande
"Wenn du das machst, hol ich meinen großen Bruder!" Geschwister können ja so praktisch sein. Oder gemein. Oder nervig. Oder süß. Fest steht jedenfalls, dass Brüder und Schwestern einander beeinflussen. Ob ein Kind als erstes, zweites oder drittes in der Familie aufschlägt, hat Auswirkungen auf die Entwicklung des Charakters. Neben der Reihenfolge spielen auch das Geschlecht und die Größe der Altersunterschiede eine Rolle.
Geschwister begleiten unser Leben in der Regel am längsten von allen Familienmitgliedern. Dadurch können Brüder und Schwestern sogar die Einflüsse der Eltern überlagern. Dr. Rahel Dreyer arbeitet als Geschäftsführerin am Institut für Bildungs- und Sozialpolitik der Fachhochschule Koblenz. Sie erläutert die Auswirkungen verschiedener Geschwisterbeziehungen.
Die Pädagogin legt großen Wert darauf, dass die besprochenen Eigenschaften allesamt Möglichkeiten darstellen. Nicht nur die Konstellation an sich, sondern alle damit verbundenen sozialen, ökologischen, ökonomischen, zwischenmenschlichen und individuellen Verhältnisse sind an der Ausbildung des Charakters beteiligt.
Was zeichnet den/die typische Erstgeborene(n) aus?
Das älteste Kind spielt oft die Prinzenrolle in der Familie. Es genießt die volle Aufmerksamkeit der Eltern, fungiert zugleich aber auch oft als Versuchskaninchen. Oft muss es mehr Leistung erbringen als die jüngeren. So entwickeln Erstgeborene häufig ein hohes Anspruchsniveau. Dadurch sind sie auch leichter mit sich selber unzufrieden. Aber der Ehrgeiz führt auch oft zu guten Schulnoten und größerem Erfolg in der Berufswelt.
Dafür belegen viele Studien, dass es den Ältesten manchmal schwerer fällt, Freundschaften zu schließen. Häufig sind es die Erstgeborenen, die die Gewohnheiten älterer Generationen in die jüngeren hinübertragen.
Wie verhält sich das klassische Nesthäkchen?
Verschiedenen Untersuchungen zufolge sind die jüngsten Kinder oft charmant, gesellig, verspielt und leichtlebig. Sie genießen ein hohes Maß an Aufmerksamkeit von der ganzen Familie, aber die Rolle birgt auch Gefahren. Die älteren Geschwister kommandieren die Kleinen gerne herum. Oder sie neiden ihnen den "Schoßhündchenstatus" bei den Eltern.
Wird das Jüngste viel geärgert, dann entwickelt es oft ein empfindliches, scheues oder reizbares Wesen. Es gibt die These, dass Letztgeborene oft eine von zwei typischen Richtungen einschlagen. Entweder sind sie ehrgeizig und bestrebt die Älteren einzuholen. Sie wollen nicht immer die Kleinen bleiben. Oder sie verhalten sich passiv und schrecken vor Aufgaben zurück.
Was ist typisch für das sogenannte Sandwich-Kind?
Das mittlere Kind befindet sich in einer schwierigen Position. Es verfügt weder über die Rechte des Älteren, noch genießt es die Vorteile des Jüngeren. So fällt es ihm manchmal schwer, seine Rolle zu definieren. Es fühlt sich als "Weder-Noch". Dadurch wird es oft empfindlicher gegenüber schlechter Behandlung oder Ungerechtigkeit. Außerdem entwickeln Sandwich-Kinder oft ein starkes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit.
Neben den Gefahren bringt die mittlere Position aber auch Chancen mit sich. Mittlere Kinder sind es gewohnt, ihr Potenzial maximal auszuschöpfen. Dadurch können sie oft besonders gut mit Menschen umgehen. Sie sind diplomatisch und können gut verhandeln. Da sie häufig weniger von den Eltern beachtet werden, fällt Sandwich-Kinder die Loslösung von zu Hause oft leichter als dem "Kronprinzen" oder dem "Nesthäkchen".
Wie verhält sich ein Junge, der nur mit Schwestern aufwächst?
Der Psychoanalytiker Walter Toman identifizierte den ältesten Bruder von Schwestern als fürsorglich und aufmerksam. Eine Führungsrolle strebt er zwar nicht an, lehnt sie aber auch nicht ab. In der Regel ist er recht gelassen, manchmal etwas gleichgültig. Durch seine intensive Beziehung zu Mädchen hat er oft ein positives Verhältnis zum anderen Geschlecht. Das kann ihm in späteren Beziehungen helfen.
Tomans Auffassung nach lässt sich der jüngste Bruder von Schwestern hingegen gerne umsorgen. Meistens ist er kein regelmäßiger, systemischer Arbeiter. Es sei denn in Angelegenheiten, die seine oft ungewöhnlichen Talente und Interessen wecken. Er mag keine Vorschriften und ebenso wenig möchte er bevormundet werden.
Wie entwickelt sich ein Mädchen, dass alleine unter Brüdern groß wird?
Ist sie die Erstgeborene, dann ist sie oft unabhängig und stark auf eine unaufdringliche Art. Gerne umsorgt sie die Brüder ohne dafür Auerkennung zu verlangen. Schwestern von einem Bruder fürchten manchmal, dass der einzige Junge mehr gilt als sie. Um in der Gunst der Eltern zu steigen, will sie für ihn sorgen. Mädchen in dieser Position wetteifern nur sehr selten mit Männern.
Die jüngste Schwester von Brüdern ist nach Toman feminin, freundlich und feinfühlend. Sie kann nachgeben, ohne unterwürfig zu sein und ist eine gute Kameradin. Dafür tritt sie manchmal etwas verwöhnt und extravagant auf. Außerdem fehlt es ihr öfters an Ehrgeiz, so nutzt sie ihre Talente nicht aus. Dafür kann sie ihren Charme sehr effektiv einsetzen.
Wie verhält sich das typische Einzelkind?
Einzelkindern wird oft unterstellt egoistisch, verwöhnt oder einsam zu sein. Wenn sie aber von klein auf Kontakt zu anderen Kindern haben, dann lernen sie genauso gut mit diesen auszukommen, wie Geschwisterkinder. Wie die Erstgeborenen orientieren sie sich zwangsläufig stärker an ihren Eltern.
Viele Studien zeigen aber, dass sich Einzelkinder auch im Erwachsenenalter nicht wesentlich von Menschen unterscheiden, die mit Geschwistern aufgewachsen sind. In der Regel weisen sie die gleichen Kompetenzen auf und haben ebenso viele Freunde.
Abschließend:
Weder die Position in der Geschwisterreihe noch die Tatsache, ob man als Einzelkind aufwächst oder mit Brüdern und Schwestern, ist allein bestimmend für die Entwicklung von Charaktereigenschaften. Viele andere Einflüsse spielen eine große Rolle. Außerdem haben Pluralisierung und Individualisierung im gesamten Wandel die Bevölkerung dazu beigetragen, dass sogar in einer Familie unterschiedliche Weltorientierungen, Einstellungen und Verhaltensmuster zu finden sind.
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Kommentare
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Dann bin ich mal gespannt, falls wir nun tatsächlich ein Mädchen kriegen sollten, ob sich das dann zum typischen Nesthäkchen entwickelt ;-) .
LG
Kathrin
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