Ein Hungerlohn von drei Euro die Stunde

VON HARALD BOLTZE, 13.03.12, 09:17h, aktualisiert 13.03.12, 09:23h NAUMBURG. "Ich bin für meinen Mann ein teures Hobby", sagt Franziska Drachau und lacht dabei, obwohl ihr dazu eigentlich gar nicht zumute ist. Denn das "Hobby", das die 29-jährige Naumburgerin meint, ist ihr Beruf. Franziska Drachau ist Hebamme. Ein Beruf mit hoher Verantwortung und niedriger Bezahlung. Doch der Reihe nach: Im Jahr 2004 entschied sich das Klinikum Burgenlandkreis, die Hebammen "auszulagern". Festanstellungen, so auch der bundesweite Trend, lohnen sich betriebswirtschaftlich nur in großen Kliniken mit vielen Geburten. "Wir haben uns damals kampfhaft gewehrt", erinnert sich Petra Pellner. Sie gehört mit Martina Seidel und Heike Wöller zu den erfahrensten Hebammen in Naumburg. Der Schritt in die Selbstständigkeit fiel schwer. "Durch die hohen Abgaben an die Kranken- und Rentenversicherung kann man finanziell nur ordentlich von unserem Beruf leben, wenn man pro Woche 60 bis 80 Stunden arbeitet." Dass das bei einer verantwortungsvollen Tätigkeit, die neben der Geburtshilfe im Kreißsaal auch Hausbesuche und verschiedene Kurse umfasst, kaum zu leisten ist, merkte Heike Wöller im Dezember. In 31 Tagen leistete sie 21 kraftraubende 24-Stunden-Dienste im Vorder- und Hintergrund. Wöller: "Eigentlich geht das nur, wenn man eine starke Familie im Rücken hat." Und wäre die Lage nicht angespannt genug, traf die Hebammen jüngst der nächste finanzielle Tiefschlag: die Beitragserhöhung in der Haftpflichtversicherung. "Vor acht Jahren", erinnert sich Petra Pellner, "habe ich noch knapp 2 000 Euro im Jahr bezahlt. Im Moment sind es fast 4 000, und ab Juli zahlen wir knapp 4 500 Euro." Das sind 375 Euro im Monat! Lars Frohn, seit Anfang des Jahres Geschäftsführer des Klinikums Burgenlandkreis, weiß um die Lage der Hebammen und zeigt Verständnis für ihre Situation. Frohn: "Es ist leider bundesweit der Fall, dass der Verdienst und die Verantwortung in diesem Beruf in keinem gesunden Verhältnis stehen." Der zweifache Vater schätzt die Geburtshilfe in Naumburg und Zeitz als wichtige Abteilung, "die wir auch stärken wollen". Darum will er den Naumburger Hebammen helfen. In einem Gespräch am Freitag bot er an, die Stundenlöhne für die 24-Stunden-Schichten zeitnah zu erhöhen. Im Moment bekommen die sechs Naumburger Hebammen drei Euro pro Stunde. Eine Geburt können sie zusätzlich bei der Krankenkasse abrechnen. "Es war ein gutes Gespräch", sagt Franziska Drachau. Sie hat sich entschieden, in der Haftpflichtversicherung zu bleiben und weiter im Kreißsaal zu arbeiten. Auch wenn sie als dreifache Mutter derzeit weit weniger Dienste schieben kann und trotzdem die hohe Versicherungsprämie zahlt. Wie die Alternative lautet, zeigen Kolleginnen in Leipzig oder Berlin. Diese arbeiten gar nicht mehr in der Geburtshilfe, sondern konzentrieren sich voll auf Schwangeren-Yoga und ähnliche Angebote. Dafür braucht man keine teure Haftpflichtversicherung.

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