Vitamine und Eisenpräperate für Schwangere
Testberichte
ÖKO-TEST Mai 2016
Vitamin- und Eisenpräparate für Schwangere
Bis zu zwölf Vitamine und neun Mineralstoffe in einer einzigen Pille: Präparate für Schwangere bauen auf das Prinzip "viel hilft viel". Doch die meisten Zutaten sind überflüssig, manche gar bedenklich. Kein einziges Produkt im Test ist uneingeschränkt zu empfehlen.
ÖKO-TEST Mai 2016
Wächst ein Baby im Bauch, stellen sich werdenden Müttern viele Fragen - auch zur Ernährung. Während der Schwangerschaft steigt der Energiebedarf um etwa zehn Prozent, der Mehrbedarf an Vitaminen und Mineralstoffen sogar deutlich mehr. Kaum eine Schwangere in Deutschland verzichtet daher auf Nahrungsergänzung. Doch was genau ist nötig?
"Sollte ich Folsäure jetzt, wo ich von meiner Schwangerschaft weiß, jeden Tag nehmen?" "Was haltet Ihr von anderen Tabletten, solche Kombitabletten, die man vom Arzt verschrieben bekommt?" Fragen wie diese finden sich zuhauf in Schwangerschaftsforen im Internet. Auf viele der Fragen geben meist anonyme Nutzer Antworten, die teils so widersprüchlich sind, dass diese wiederum neue Fragen aufwerfen. Und die Ratsuchenden schließlich nicht schlauer sind als vorher. Dabei könnten Betroffene auch einfach den ihre Schwangerschaft begleitenden Arzt fragen. Doch auch hier könnte es sein, dass sie, je nachdem welchen Mediziner sie zurate ziehen, unterschiedliche Aussagen hören.
Hinzu kommt das kaum noch zu überschauende Angebot an Supplementen in den Regalen von Apotheken, Drogerien und Supermärkten. Nahrungsergänzungsmittel locken mit langen Listen an Inhaltsstoffen und dazugehörigen Gesundheitsversprechen: Vitamine A, B12, C, D3 und Folsäure sowie Jod, Eisen, Calcium, Magnesium, Zink, Omega-3-Fettsäuren und vieles mehr. Bis zu zwölf Vitamine und neun Mineralstoffe in einer einzigen Kombipille sind keine Seltenheit.
Um Schwangeren bessere Orientierung zu bieten, haben die in Deutschland wichtigsten Akteure in den Bereichen Medizin und Ernährung vor wenigen Jahren das "Gesund ins Leben - Netzwerk Junge Familie" gebildet und Handlungsempfehlungen zur Ernährung in der Schwangerschaft erstellt. Diese sind auf der Internetseite www.gesund-ins-leben.de abrufbar; die wichtigsten Punkte haben wir im Kompakt "Nährstoffe für Schwangere" auf der nächsten Seite zusammengestellt. In puncto Supplemente lauten die Empfehlungen des Netzwerks, kurz zusammengefasst, folgendermaßen: Folsäure sollten die Präparate auf jeden Fall enthalten, nach Möglichkeit auch Jod. Eisen hingegen nur, wenn der Arzt einen Eisenmangel diagnostiziert hat. Denn: "Eine generelle prophylaktische Eisensupplementierung wird Schwangeren nicht empfohlen, zumal eine erhöhte Eisenzufuhr bei Frauen, die gut mit Eisen versorgt sind, auch nachteilige Wirkungen haben kann", so die Empfehlungen
Anmerkungen von Hebamme4u:
Ich bekomme ab und an kritische Mails, die meine Artikel in Frage stellen. Es wird nach Quellen oder Studien usw. gefragt. Damit kann ich leben.
In Form dieser Testergebnisse kommt mir nun der Zufall zur Hilfe. Ich wurde unter anderem "unverantwortlich" genannt. Das bin ich sicher nicht. Zwar glaube ich noch immer nicht, meine Kenntnisse ständig belegen zu müssen. aber wenn es sich ergibt: Bitteschön (siehe oben)
Meine entsprechenden Artikel sind verlinkt und unbeeinflusst von Werbung
Folsäure ist vor allem wichtig, da es einen Neuralrohrdefekt beim Embryo vorbeugt und das Vitamin aus dem B-Komplex in unseren Breiten kaum über die Nahrung aufgenommen wird. Wie aber sieht es mit all den anderen Vitaminen und Mineralstoffen aus, die sich in Supplementen finden? "Der Mehrbedarf für zahlreiche Nährstoffe in der Schwangerschaft kann - mit Ausnahme von Folat und Jod - durch geeignete Lebensmittelwahl gedeckt werden; der Verzehr von speziellen (diätetischen) Lebensmitteln ist im Allgemeinen nicht notwendig", heißt es dazu in den Empfehlungen des Netzwerks. Das hält Produzenten von Vitamin- und Eisenpräparaten jedoch nicht davon ab, ihren Kapseln mehr und mehr, in der Regel synthetisch hergestellte, Zutaten beizumischen.
ÖKO-TEST hat 17 Vitamin- und fünf Eisenpräparate, die sich an Schwangere richten, eingekauft, ihre Inhaltsstoffe unter die Lupe genommen und auf ihren Nutzen abgeklopft.
Das Testergebnis
Vitamine nach dem Gießkannenprinzip. Das beste Vitaminpräparat schneidet gerade mal mit "ausreichend" ab. Unter den Eisenpräparaten befindet sich immerhin ein "befriedigendes" Produkt. Fast alle Hersteller reichern ihre Produkte mit zu vielen Vitaminen und Mineralstoffen an. Lange Zutatenlisten sollen Schwangeren suggerieren, "viel hilft viel". In Wirklichkeit haben aber manche Zutaten in den Produkten für werdende Mütter mit einem Kind im Leib gar nichts verloren oder sie sind überdosiert.
Überflüssige Zutaten. Die maßgeblichen Inhaltsstoffe von Vitaminpräparaten sollten Folsäure und Jod sein. Alle weiteren Vitamine und Mineralstoffe sind in der Regel mit einer angemessenen Ernährung zu decken. Fast alle getesteten Vitaminpräparate weisen jedoch Dosierungen auf, die weit über den tatsächlichen Bedarf hinausgehen. Mit den Eisenpräparaten, die nur bei einer ärztlichen Diagnose auf Eisenmangel eingenommen werden sollten, sieht es nicht anders aus: Fast alle getesteten Produkte sind mit zu vielen weiteren Inhaltsstoffen angereichert. Erfreulicherweise enthalten alle getesteten Eisenpräparate Salze des zweiwertigen Eisens, erkennbar an der römischen Zwei im Namen. Dreiwertiges Eisen wird vom Körper kaum aufgenommen.
Gesundheitlich bedenklicher Zusatz. Acht Viatminpillen enthalten Betacarotin (Provitamin A). Die Zugabe dieses Stoffes sehen wir kritisch, denn die Aufnahme von isoliertem Betacarotin in Nahrungsergänzungsmitteln und Vitaminpillen hat sich als gesundheitlich bedenklich erwiesen, unter anderem erhöht sie das Risiko für Raucher, an Krebs zu erkranken. Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät von einem Zusatz ab, weil Betacarotin ernährungsphysiologisch unnötig ist und zu leicht eine zu hohe Tagesdosis erreicht werden kann.
Mehr oder weniger Folsäure als behauptet. In den Kapseln Gynvital Gravida (Bayer Vital) hat das Labor 64 Prozent mehr Folsäure als deklariert nachgewiesen, in Altapharma Vitalstoffe + DHA Natal (Rossmann) hingegen 39 Prozent weniger. Für solche Deklarationsmängel gibt es eine Note Abzug. Ein entsprechender Leitfaden, nach dem Behörden die angegebenen Nährwerte kontrollieren, toleriert eine Überschreitung von bis zu 50 Prozent und Unterschreitungen um nicht mehr als 20 Prozent.
Fischöl - keine Verunreinigungen, aber unnötig. Zehn der getesteten Vitaminpräparate enthalten Fischöl. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt Schwangeren zu täglich 200 Milligramm der darin enthaltenen Omega-3-Fettsäure DHA (Docosahexaensäure). Allerdings: Schon zwei Portionen Fisch pro Woche versorgen den Körper mit einer ebensolchen Menge. Auch Vegetarier und Veganer kommen an den Stoff, denn der Körper kann ihn in geringen Mengen aus Alpha-Linolensäure bilden, die etwa in Lein-, Raps- und Sojaöl sowie in Leinsamen und Walnüssen steckt. Erfreulicherweise wies das Labor in dem Fischöl kaum bedenkliche Schwermetalle nach. Quecksilber wurde gar nicht gefunden, in wenigen Fällen Cadmium und in einem Fall Arsen in jeweils sehr geringen Spuren.
llzu große Gesundheitsversprechen. "... versorgt über die Mutter das ungeborene Baby mit Vitaminen und Mineralstoffen und unterstützt damit einen gesunden Start ins Leben" (Milupa Neovin); "... trägt darüber hinaus zum gesunden Wachstum des mütterlichen Gewebes während der Schwangerschaft bei" (Eisen Verla Plus Direkt-Sticks); "zur Erhaltung der Knochengesundheit" (Nestlé Materna DHA). Aufdrucke wie diese finden sich auf Verpackungen und Beipackzetteln. Gemäß EU-Health-Claims-Verordnung sind Angaben, die sich auf die Gesundheit oder Gesunderhaltung von Körperteilen oder -funktionen beziehen, nicht zulässig, wenn auch gewisse Spielräume bestehen. Folat/Folsäure sollte lediglich beworben werden mit der neutralen Aussage: "... trägt zum Wachstum des mütterlichen Gewebes bei." Das Wort "gesund" hat nach unserer Auslegung der EU-Verordnung in den Sprüchen nichts zu suchen.
Kompakt
Nährstoffe für Schwangere
Die Expertenrunde "Gesund ins Leben - Netzwerk Junge Familie", in der unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), das Forschungsinstitut für Kinderernährung, die Nationale Stillkommission, das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sowie die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe vertreten sind, gibt folgende Empfehlungen zur Supplementierung mit Nährstoffen in der Schwangerschaft:
Folsäure: 400 Mikrogramm (µg)
Der Fötus benötigt Folsäure zur DNA-Synthese. Die Versorgung mit dem Vitamin aus dem B-Komplex ist wichtig für Zellteilung und Wachstumsprozesse. In der Schwangerschaft steigt der Bedarf um 50 Prozent. Der von der DGE angegebene Referenzwert für die Folatzufuhr kann über die Nahrung allein praktisch nicht erreicht werden. Studien zeigen, dass eine Supplementierung mit täglich 400 µg Folsäure das Risiko für Neuralrohrdefekte sowie weitere Fehlbildungen mindert. Beginnt die Einnahme erst kurz vor oder sogar erst nach der Empfängnis, sollte die Tagesdosis höher liegen. Da der Verschluss des Neuralrohrs schon drei bis vier Wochen nach der Befruchtung der Eizelle beginnt, ist der präventive Effekt am besten gegeben, wenn mit der Supplementierung schon vor der Empfängnis angefangen wird.
Jod: 100 bis 150 µg
Jodmangel in der Schwangerschaft kann zu einer Behinderung des Kindes führen. Durchschnittlich nehmen Deutsche pro Tag rund 120 µg Jod mit der Nahrung und mit jodiertem Speisesalz auf. Schwangere sollten ihrem Körper täglich etwa 230 µg zuführen. Eine Supplementierung von 100 bis 150 µg ist somit ausreichend und sollte nach Rücksprache mit dem Arzt erfolgen.